Sonntage

Fräulein Gabert setzt sich auf ihr dunkelgraues, leicht genopptes Sofa. Sie legt Wert auf das Fräulein, obwohl das ja in der heutigen Zeit und vor allem in ihrem Alter reichlich altmodisch daherkommt, aber das ist ihr egal. Vieles ist ihr egal. Sie hat sich im Laufe der Zeit von so manchem gelöst. Und davon, was andere über sie denken könnten, schon lange.

Sie ist eine beliebte Kollegin und ihr fällt ein, lange ist sie das ja nun nicht mehr, Kollegin. Ende des Jahres geht sie in Rente, unglaublich kommt ihr das vor. Sie hat mit 18, nach dem Abitur, eine Lehre gemacht, 1957, das waren noch ganz andere Zeiten damals. Sie wollte erst „was Anständiges“ lernen, wie ihre Mutter ihr riet. Und dann studieren. Doch dann ist sie in der Firma geblieben, bis heute. Und es gefällt ihr. Angefangen hat sie als Stenotypistin, das gibt es ja heute gar nicht mehr. Doch damals war das ein gefragter Beruf, vor allem bei jungen Mädchen. Und er hatte Zukunft. Sie bewarb sich bei der Firma Bauer & Sohn, ein ganz alt eingesessenes Unternehmen in ihrer Heimatstadt. Mit dem Bus ist sie leicht dorthin gekommen. Von ihrem Elternhaus aus. Auch heute, wo sie eine kleine Wohnung nicht weit von der Innenstadt bewohnt, kommt sie ebenso leicht zur Firma. Das Bürogebäude ist ein altes Backsteinhaus, drei Stockwerke hoch, es hat ihr schon damals gefallen. Die Fenster wurden erneuert, schon vor Jahren, wegen der enormen Heizkosten, aber sonst ist fast alles beim alten geblieben. Sie geht gerne durch die große Eingangstüre, vorbei an Herrn Schrenter, den sie genauso lange kennt, wie sie in der Firma ist. Herr Schrenter ist eigentlich schon lange Rentner, er war der Hausmeister, die gute Seele der Firma. Und dann starb kurz vor der Pensionierung seine Frau und dann wurde er Pförtner. Und ist es geblieben. Irgendwie gehört er zu dem Gebäude. Das rote Backsteinhaus und Herr Schrenter. Das ist eine Einheit. Fräulein Gabert kann es sich nicht anders vorstellen. Sie muss lächeln, als sie an ihn denkt. Er hat einmal um ihre Hand angehalten. Gott ist das lange her. Sie war damals gerade aufgestiegen, zur Buchhalterin, Buchhaltung lag ihr besonders. Und der Seniorchef, na ja, damals war er noch der Juniorchef, also der junge Herr Bauer hat schnell erkannt, wie gewissenhaft und fleißig sie war. Er holte sie in die Buchhaltung und nach einigen Jahren war sie deren Leiterin. Ihre Bilanzen haben immer gestimmt, was höchst erstaunlich war, und selbst der Wirtschaftsprüfer konnte es kaum glauben und als sie dann von der Buchhaltung in die Assistenz der Geschäftsleitung wechselte, wurde sogar ein langer und groß aufgemachter Artikel in der Heimatzeitung veröffentlicht. Darin wurde eben dieses absolut Erstaunliche besonders hervorgehoben, 22 Jahre keine falsche Bilanz, kein einziger Fehler. Als dann die Computer kamen, in dem Jahr, als sie 50 wurde, da ist sie ohne großes Aufsehen und gefördert vom Alten, der früher der junge Herr Bauer war, in die Geschäftsleitung gekommen. Dort organisiert sie seither alles, was an Terminen ansteht, Sitzungen, Tagungen, Messevorbereitung, alles, was die Geschäftsleitung so treibt, wird von ihr vorbereitet. Sie kennt jeden, dem Alten kommt es manchmal so vor, als kenne sie die ganze Welt und die ganze Welt kenne sie. Jedenfalls ist sie in ihrem Element, wenn die Telefone klingeln, wenn die Korrespondenz erledigt werden muss – mittlerweile kann sie natürlich auch mit dem Computer umgehen – oder sich die Leute die Klinke in die Hand geben. Sie ist die erste Anlaufstelle, und sie hat schon so manches Problem gelöst, wo der Alte dachte, das kann man nicht hinkriegen. „Fragen Sie Fräulein Gabert“, war eine seiner Standardantworten, wenn’s mal wieder eng wurde oder er absolut nicht weiter wusste. Und dann fragten halt alle Fräulein Gabert. Irgendwann dann fragten sie gleich Fräulein Gabert. Wenn sie’s nicht selber wusste, sie wusste aber immer, wer es wissen musste. Tja und das ist bald alles vorbei. So komisch es klingt und so gerne wie sie arbeitet und all die Jahre gearbeitet hat, jetzt ist es auch genug.

Als ihr Freund starb, mit dem sie immerhin fast 15 Jahre zusammen lebte, war sie froh um ihre Arbeit. Sie hatte nicht heiraten wollen, es war alles gut so, wie es war. Fräulein Gabert und ihr Freund Curt. Sie war ja gar nicht altmodisch, wilde Ehe, es war ihr so egal, und doch, sie wollte Fräulein genannt werden. Curt zog sie damit des Öfteren auf und sie lächelte nur. Jeder hat eben seine Macken, pflegte sie lächelnd zu antworten. Und Curt war es ja auch egal, er lebte mit ihr zusammen und heiraten war ihm Gott sei Dank nicht wichtig.

Sie muss an all die Weihnachten denken, die sie mit ihm verbracht hat. All die schönen Tannenbäume, die sie gemeinsam geschmückt haben. Sie hat das beibehalten, auch als Curt starb. Zumal da ja anfangs noch ihre Eltern waren, die oft zu Besuch kamen. Heute lebt nur noch ihre Mutter, die aber zu alt für Besuche ist. Im Grunde hatte sie ein regelmäßiges Leben, ein gutes Leben, bis heute. Curt hat ihr Anfangs sehr gefehlt, aber das legte sich mit den Jahren und sie hat die Regelmäßigkeit weitergelebt, einmal im Monat mit den Kollegen Kegeln, der Häkelabend in der Kirchengemeinde, die Ferien am Gardasee. Als Curt starb, war sie die ersten Jahre zu Hause geblieben, aber dann sehnte sie sich nach Urlaub, nach dem See, der Umgebung dort. Und Curt, da war sie sich sicher, hätte sie hinausgescheucht, immer nur in der Stube hocken ist nicht gut, das war seine Meinung.

Sie lebte ihre Regelmäßigkeit, die Weihnachtsfeste, die Einkäufe im Dezember, der Jahreswechsel, Ostern, der Sommerurlaub, ein paar Tage im Herbst zu Freunden an die See, sie arbeitete Woche um Woche, gewissenhaft, freundlich, anerkannt und mit Freude. Sie freute sich aufs Wochenende, der Samstag war ihr Tag, Freitags hatte sie schon alle Einkäufe erledigt, und Samstags dann blieb sie meist im Schlafanzug, sie lud auch keinen Besuch ein, wie so oft unter der Woche, zum Kartenspielen oder so, der Samstag gehörte ihr, ihren Büchern, ihrem Sofa. Sonntags ging sie meist mit ihrer Mutter in die Kirche, nicht, weil sie Kirche mochte, sondern weil ihre Mutter, die mittlerweile ja nun auch fast 90 war, das nicht mehr alleine schaffte. Seit Jahren nicht mehr. Und der Sonntag Nachmittag, das war die Zeit, wo sie sich aufs Büro vorbereitete, ihre Kleidung für die Woche sortierte, ihre Unterlagen zurechtlegte, was vielleicht noch erledigt werden musste, welche Rechnungen bezahlt werden mussten, diese Dinge halt. Das erledigte sie am Sonntagnachmittag.

Und dann setzte sie sich auf das genoppte graue Sofa. Im Sommer war es hell, da brauchte sie kein Licht, aber in den dunklen Monaten, da schaltete sie die Deckenlampe an und es war dann sehr hell und sie konnte alles überblicken.

So ist es auch heute, es ist Sonntag Nachmittag und sie sitzt auf ihrem Sofa, die Überweisungen sind schon ausgefüllt, das Passfoto für die längst fällige Verlängerung ihres Reisepasses liegt auch bereit, die Wäsche ist sortiert, das erledigt sie gerne für die ganze Woche, bloß morgens nicht groß nachdenken, was sie anziehen soll. Es ist getan, was getan werden muss und nun sitzt sie auf dem Sofa. Sie betrachtet die grauen Noppen, das Sofa ist sehr alt, sie hat es zusammen mit Curt gekauft, als sie sich entschlossen, zusammenzuziehen. Es müsste längst gegen ein neues ausgetauscht werden, doch irgendwie kann sie sich nicht aufraffen. Und sieht es auch nicht ein, wenn sie ehrlich ist. Warum immer alles erneuern? Wenn es das Alte doch noch tut?

Die grauen Noppen kommen ihr heute so furchtbar grau vor. Sie schüttelt den Kopf über diesen Gedanken. Graue Noppen, die noch grauer sind, lächerlich. Sie betrachtet ihre Wohnung, die wie immer ist und doch anders. All die Jahre, die sie hier gelebt hat, erst mit Curt, dann alleine, sie wollte nicht ausziehen nach seinem Tod, es wäre ihr wie Verrat vorgekommen. Sie haben sich verstanden in dieser Wohnung, sie haben sie gemeinsam eingerichtet und haben hier ihre Höhen und Tiefen erlebt, soweit man das sagen kann. Und all die Tannenbäume geschmückt und die Urlaube vorbereitet und die Freunde eingeladen, warum sollte sie ausziehen? Die Wohnung liegt günstig, alles ist zu Fuß zu erreichen, und sie ist billig. Außerdem ist sie hübsch geschnitten und hat einen kleinen Balkon.

Sie schaut wieder auf die grauen Noppen. Steht ganz plötzlich auf und geht zum Spiegel im Flur. Sie betrachtet ihre Frisur und erschrickt. Sie hat ganz dickes weizenblondes Haar, das hatte sie schon immer, kaum zu bändigen, und seit 30 Jahren trägt sie es aufgetürmt. Das mag altmodisch sein, aber an ihr sieht es klassisch aus. Es passt zu ihr. Hat immer zu ihr gepasst. Und jetzt schaut sie es an und findet es so über. Erledigt. Vorbei. Sie kann es nicht in Worte fassen. Es kommt ihr plötzlich falsch vor, wie sie aussieht.

Durch das Weizenblonde sind die immer mehr werdenden weißen Haare nicht zu sehen, aber selbst wenn man sie sehen könnte, es würde sie nicht stören. Das ist es auch nicht, was ihr nicht gefällt, die Frisur ist auf einmal so falsch, sie kann es nicht ausdrücken. Falsch eben. Ganz falsch. War sie am Ende schon immer falsch? War ihr Leben mit Curt falsch? Die sonntäglichen Kirchgänge mit ihrer Mutter? Sie geht zurück ins Wohnzimmer und schaut sich im hell erleuchteten Zimmer um.

Auf einmal begreift sie gar nicht mehr, was sie sieht. Einen Couchtisch, in der Mitte des Zimmers, eine helle Decke darauf, mit Mustern bestickt, davor das Sofa. An den Enden des Tisches jeweils ein Sessel. An der Wand ein altmodischer Schrank. Dunkelbraun. Darauf eine alte Uhr aus Holz, sie tickt sehr laut, es kommt ihr vor, als ticke sie viel lauter als sonst. Die Mustertapete. Mein Gott, diese alte Mustertapete, pastellfarben, sie sieht sie zum ersten Mal an diesen Wänden, sie sieht die Wände zum ersten Mal. Sie dreht sich um, sie sieht alles zum ersten Mal. Scheußlich sieht es aus. Ganz scheußlich.

Hier lebe ich? Diese Frage erreicht langsam ihr Bewusstsein und sie spürt einen Anflug von Panik. Hier? Hier habe ich all die Jahre gelebt? Inmitten der gemusterten Tapeten, der alten Möbel? Sie schaut auf den Teppichboden. Beige geriffelt. Auch den sieht sie zum ersten Mal. Wie kann das alles sein? Wie kann sie hier leben und die Wohnung nicht kennen? Wo ist ihr Leben hin? Das Leben, das sie hier lebte, sie weiß doch, dass sie es hier gelebt hat.

Aber sie kann sich nicht mehr erinnern. Langsam geht sie zurück an den Spiegel im Flur. Blickt hinein. Sieht die hellen Haare, sieht die blauen Augen, die sie durch eine schwarze Brille anschauen. ‚Das bin ich‘, denkt sie. Aber sie kann es nicht fühlen.

Das Telefon klingelt. Es steht auf einer kleinen Anrichte im Flur. Sie hebt es ab. Sie sagt nichts. „Margot“, hört sie die Stimme ihrer Mutter, „bist Du es? Warum sagst Du denn nichts?“ Margot, flüstert sie und legt auf. Es ist, als habe sie gerade ihren Namen erfahren, Margot. Es klingelt wieder, sie lässt es klingeln. Drei Mal noch ruft ihre Mutter an, dann gibt sie auf. Sie wäre sowieso nicht mehr dran gegangen.

Sie blickt erstaunt auf. Geht zurück ins Wohnzimmer und schaut sich um. Hier ist ihr Leben verloren gegangen. Hier irgendwo ist es zerlebt worden, in den Ecken und Ritzen verschwunden, hinter der grauen Couch, hinter den gemusterten Tapeten. Irgendwo.

Ihr wird heiß. Sie bemerkt erneut in einem leichten Anflug von Panik, wie ihr Herz schneller zu schlagen beginnt, immer schneller, Schweißtropfen bilden sich auf Ihrer Stirn. Sie blickt auf die Überweisungsträger. Übelkeit steigt in ihr auf. Sie kann das Muster nicht mehr erkennen, was hinter ihrem Leben gestanden hat, bis zuletzt noch stand. Die Sonntage, warum waren die Sonntage so, wie sie waren? Warum waren sie immer gleich und warum war das früher richtig und warum versteht sie es heute nicht mehr? Gab ihr das nicht auch mal Sicherheit? Sicherheit vor was? Für was? Warum?

Langsam geht sie ins Schlafzimmer. Sieht den Koffer auf dem großen Schrank und auf einmal ist ihr klar, dass sie fort muss. Weg. Wohin? Das ist ihr fürchterlich gleichgültig, nur weg. Schnell. Ganz schnell weg.

Sie zerrt den Koffer vom Schrank, öffnet ihn und stopft wahllos ihre Kleider hinein. Ohne System, einfach das, was sie in die Hände bekommt. Sie rennt in Eile durch die Wohnung auf der Suche nach dem, was sie braucht, wenn sie nicht mehr wiederkommt. Sie will nicht mehr wiederkommen. Sie will fort. Fort von diesen Sonntagen, deren Sinn sie nicht mehr versteht.

Sie reißt Schubladen auf, durchwühlt Kartons, der Koffer wird immer voller, sie holt noch die Reisetasche vom Schrank. Als auch die voll ist, rennt sie zur Garderobe, zieht sich den Mantel über, zieht Schuhe an, alles in furchtbarer Eile, ihr ist, als müsse sie fliehen. Sie nimmt den Koffer, die Reisetasche, öffnet die Wohnungstüre, sieht gerade noch ihre Lesebrille auf dem Regal dort liegen, ihre Handtasche, sie nimmt beides und läuft die Treppe hinunter. Sie hört, wie die Wohnungstüre mit einem lauten Knall zuschlägt, sie zuckt zusammen, als sei es ein Schuss, sie rennt den langen Flur zur Haustüre entlang, reißt sie auf und stürzt die wenigen Stufen zum Bürgersteig hinunter.

„Guten Tag Fräulein Gabert!“ Mit seinen gewohnt großen Schritten kommt der immer freundliche Herr Rischberg auf sie zu, „Wohin so schnell des Weges?“ Völlig verdutzt starrt sie ihn mit offenem Mund an. „Fräulein Gabert?“ Herr Rischberg tritt einen Schritt auf sie zu. Da rennt sie los, mit samt dem Koffer und der Reisetasche, dreht sich einfach um und rennt los.

Herr Rischberg steht noch eine Weile völlig ratlos am Rande des Bürgersteiges und blickt in die Richtung, in der Fräulein Gabert verschwunden ist. Später wird er sich an ihre weißblonden Haare erinnern, die er zum ersten Mal zerzaust gesehen hat. Er wird der Polizei nichts sagen können, auch die anderen Bewohner des Hauses nicht, auch ihre alten Kollegen nicht, niemand. Niemand kann ihrer Mutter und der Polizei sagen, wo sie hin ist. Niemand wird gefunden werden. Sie wird einfach weg sein.

Weg von diesen Sonntagen.

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